Radreise durch Südmarokko

Radreise durch Südmarokko

Das für mich Spannendste bei einer Reise in Länder mit anderer Mentalität, sind die kleinen Missverständnisse sowie der täglich wachsende Respekt vor den Menschen und ihren Leistungen. Marokko ist ein Land mit abwechslungsreichen Landschaften und unterschiedlichen klimatischen Bedingungen. Diese E-Bike-Radreise durch Südmarokko führt euch entlang der Filetstücken verschiedener Regionen. Und ihr erhaltet auch eine Antwort darauf, wie ihr euch solch eine Radreise vorstellen könnt.

Radeln im Atlasgebirge mit defekten E-Bike und Yalla, yalla

Es ist März und schon angenehm warm in Marrakesch. Die gestrige Sicht vom Riad Bahia auf den Hohen Atlas wird heute Morgen von Nebel und Nieselregen verdeckt. Bis zum Start unserer Radreise wird unsere kleine Reisegruppe in den Hohen Atlas gefahren. Hoffentlich ist dann das Wetter besser. Gut gefrühstückt brechen wir auf mit unserem Kleinbus. Gefolgt vom Fahrradtransporter fahren wir in Richtung Atlasgebirge.
Nach einigen Kilometern erreichen wir die Berge. Beide Fahrzeuge schlängeln sich durch die weiten Täler hinauf zum Tischka Pass in 2260 Meter Höhe. Ohne Halt fahren wir weiter bis zu der Straße, die in das Agtal führt. Hier halten wir. Das Wetter ist bestens, strahlender Sonnenschein.
Die Fahrräder werden vom Dach des Transporters gehoben. Jeder von uns bekommt eins in die Hand und wartet bis Vorderrad und Akku montiert werden. Muhamed, unserer Reiseleiter weist uns kurz in die Bedienung der E-Bikes ein. Dann verabschieden wir uns von unserem Kleinbus, der nach Marrakesch zurückfährt.
Ich denke gerade daran, dass wir kein Begleitfahrzeug mehr haben, wie eigentlich vorgesehen ist. Da Radeln schon alle los auf die Schotterstraße ins Agtal. 45 Kilometer werden wir heute fahren. Als E-Bike-Neuling gehe ich die Fahrt erst einmal vorsichtig an und fahre hinterher.
Ich bin sofort von den märchenhaft schönen Blicken überwältigt. Nicht nur ich, wie ich merke. Immer wieder wird am Straßenrand fotografiert oder werden Selfies gemacht. Die Radgruppe zieht sich immer weiter auseinander. Hinter jeder Kurve wieder vom Fahrrad steigend, um die bezaubernden Landschaften per Foto festzuhalten.
Radtour Tag 1
In der Ferne der schneebedeckte Atlas, davor die karg bewachsenen teils rostbraunen Berghänge und den im Tal befindlichen Zedern und Korkeichen. Was mich verzaubert ist der Kontrast der Farben.
Radtour Tag 1
Es scheint so, dass die vielen Fotostopps unseren Reiseleiter nervös machen. Nach 20 Kilometern erreichen wir gegen 15 Uhr eine kleine Gaststätte. Bevor wir unser Mittagessen serviert bekommen, sagt mir Günther, dass sein E-Bike defekt ist und Peter, mein Namensvetter hat ebenfalls ein defektes Rad. Unserem Fahrradmonteur gelingt es wenigstens, eins der beiden Räder wieder flott zu machen. Ich biete Günther an, dass wir unsere Fahrräder des Öfteren tauschen. Denn 25 Kilometer ohne elektrische Unterstützung gegen E-Bikes mitzuhalten, wird sicherlich schwer werden.
Bei Telouet zweigen wir von unserer breiten Schotterstraße ab und besichtigen die gleichnamige Kasbah. Von außen halb verfallen mit leeren Storchenhorsten auf der oberen Mauer, kann man innen sehr gut den Aufbau und die Funktion als Speicherburg erkennen. Berber der umliegenden Gegend haben hier früher ihr Hab und Gut eingelagert. Bewacht hat diese Burg jeder einmal. Bei Gefahr kamen alle Berber und verteidigten die Kasbah gemeinsam.
Radtour Tag 1 Kasbah
Die Sonne neigt sich und es wird kühler. Ich überlege mir noch, ob ich mir eine Jacke überziehe. Eine kräftige Windböe hat mich überzeugt. Muhamed hat das Tempo etwas angezogen. Als ich wieder auf der breiten Schotterstraße bin, sehe ich die Gruppe in weiter Ferne radeln.
Derweil bläst mich ein scharfer Seitenwind fast von der Straße. Holla die Waldfee denke ich, steige vom Fahrrad, schiebe es mich gegen den Wind lehnend zur Straßenmitte und fahre unter erschwerten Bedingungen weiter. Nach gefühlten endlosen Minuten ist der Spuk vorüber. Von Muhamed erfahre ich, dass diese Winde jeden Abend kommen, wenn die Sonne untergeht. Es sind Fallwinde, die sich bei sinkender Sonne bilden, wenn sich die Berge abkühlen.
Mitten an einer bergan führenden Straße habe ich die Gruppe eingeholt. Der Stopp konnte nicht besser gewählt sein. Ein von einem Rinnsal begrüntes Tal mit steilen, steinigen Berghängen und Wohnhäusern. Ich frage mich, wer hier wohl wohnen mag?
Radtour Tag 1
Günther ist jetzt auch angekommen. Ich übernehme sein defektes E-Bike; denke mir, die restlichen 11 Kilometer können nicht so schlimm werden und fahre vor allen anderen los. Es geht schon wieder bergab, da warte ich auf die anderen. Zuerst kommt Muhamed unser Reiseleiter vorbeigeprescht und ruft mir yalla, yalla zu. Eigenartig, wo bleibt der Rest? Ich warte weiter, bis die ersten der Gruppe kommen, und fahre los.
Kaum unten angelangt muss wieder bergan strampeln. Die Gangschaltung des Rades ist gut. Dennoch überholt mich einer nach dem anderen mit einem Lächeln. Wenn ich hier einigermaßen mithalten will, muss ich bergab schneller als die Anderen fahren. Bei der Dunkelheit auf teilweise abschüssigen Straßen ist das nicht ungefährlich.
Wieder geht es bergan und bergab und wieder bergan. Am nächsten Berg überholt mich Annemarie und sagt, das hinter mir nur noch der Fahrradtransporter kommt. Das motiviert unheimlich. Der Anstieg wird heftiger, nichts geht mehr. Von hinten strahlen mich die Scheinwerfer unseres Begleitfahrzeuges an. Ich steige ab und schiebe. So ein bisschen Missstimmung kommt in mir jetzt schon auf. Wir müssen doch nun endlich mal da sein, denke ich. Die 45 Tageskilometer sind doch schon längst vorüber.
Jetzt fahren wir lange bergab und ich hole das Feld wieder ein. Es ist bereits finster geworden, die Stimmung der Radgruppe ist am Boden und mir schmerzten die Oberschenkel. Denn die Gruppe scheint immer schneller zu werden.
Glücklich war ich und bestimmt auch die anderen, als wir mit dem blinkenden Licht das Ende der Radtour erkannten. Im wunderschönen Hotel Ksar Ighnda werden wir mit süßem Pfefferminztee empfangen. Statt 45 Kilometer sind wir 65 Kilometer gefahren. Auf dieser Strecke sind wir 1200 Höhenmeter bergab und 600 Höhenmeter bergan gefahren. Wir beziehen unsere Zimmer. Nach der Dusche bin ich ins Bett gefallen und dachte so: Mein E-Bike gebe ich nicht wieder her.
Hotel Ksar Ighnda

Durch die Halbwüste und Übernachtung im Berberzelt

Zagora ist die letzte große Stadt vor der Halbwüste und war früher der Ort, wo Karawanen in die Wüste aufgebrochen sind. Timbuktu in Mali haben die Karawanen nach 52 Tagen erreicht. Eine Inschrift erinnert uns an die längst vergangen Zeiten.
Statt wie hier früher üblich, auf einem Dromedar zu reisen, schwingen wir uns auf unsere Drahtesel. In den letzten Jahren hat Marokko viel in seine Infrastruktur investiert. So fahren wir auf asphaltierter Straße durch die Halbwüste. Nur der ständige Gegen- bzw. Seitenwind ist nervig. Mit einem E-Bike hält sich der Kraftaufwand aber in Grenzen.
Sehe ich mir die Landschaft an, scheint Zeit keine Rolle zu spielen. Ich frage mich, welche Bedeutung Zeit auf den großen Karawanenwanderungen gehabt hat. Für uns unvorstellbar, so viel Zeit zu haben. Beeindruckend ist das vom Boden reflektierte und der Landschaft entsprechende eigentümliche Licht, die Weite zwischen den Bergmassiven sowie die spärliche Vegetation. Manchmal sehen wir Dromedare allein weidend. Nur wenige Berber sind noch mit ihrem Dromedar unterwegs.
Berber mit Dromedar
Einige unserer Radler finden diese Landschaft mittlerweile langweilig und freuen sich, als nach 45 Kilometern die Radtour beendet wird. Sie fahren mit unserem Begleitbus weiter. Ein harter Kern der Gruppe fährt den Rest per Rad. In weiter Ferne sehen wir einen einsamen Baum, der signalisiert das Ende unserer Radtour. Bis wir eintreffen, bereiten die mit dem Bus gefahrenen derweil unser Picknick mit vor.
E-Bike Reise durch Marokko
Gut gestärkt fahren wir in unserem Kleinbus zum Wüstenort Tissint und weiter in ein Berber-Camp. Mitten in einer Wüstenlandschaft steigen wir aus. Vereinzelt stehen Berberzelte. Sind das die, wo wir heute nach schlafen sollen?
Berber-Zelte
Da sich die Sonne neigt, bekommen wir schon wieder die bekannten Fallwinde zu spüren. Sie bilden aus dem aufsteigenden Sand viele kleine Windhosen, die sich imnu zu einem großen Sandwirbel vereinen. Uns bleib nichts weiter übrig, als schnell die Flucht in unsere Zelte zu ergreifen.
Berber Cammp Windhose
Dann geht die Sonne unter. Ein Naturschauspiel, welches immer wieder fasziniert. Es dauert nicht lange, dann verschwindet die Sonne. Wir beziehen unser Berberzelt und bereiten uns auf das Abendessen vor.
Sonnenuntergang im Berber-Camp
Heute sind wir zu Gast bei Berbern, die uns ihren traditionellen Kuskus servieren. Wohlschmeckend, aber wie immer viel zu viel. Ich trete vor das Zelt und höre Christel, wie sie Geschichten über die Sternbilder am Himmel erzählt. Nach und nach kommen alle aus dem Zelt und lauschen den Sternenlegenden. Je mehr die Zeit auf Mitternacht zugeht, umso mehr Sterne werden sichtbar. Langsam erscheint auch ein weißes Band am Firmament, das Band der Milchstraße.
Gegen Mitternacht gehen meine Frau und ich zu unserem Zelt und kriechen bei völliger Dunkelheit unter zwei schwere Decken. Mit einem Hauch des Abenteuerlichen schlafen wir schon bald ein.

Durch wilde Canyons ins Paradies Valley

Das ist nicht zu viel versprochen. Strandfeeling erleben wir heute nicht. Aber wieder eine Landschaft, die sich von den bereits gesehenen völlig unterscheidet. Das kleine Rinnsal schneidet sich tief in ein canyonartiges Tal. Es scheint hier häufiger zu regnen, denn die Berghänge sind hier grüner als anderswo. Die Palmen wirken nahezu paradiesisch auf uns. Den Namen Paradies Valley hat sich der Canyon verdient.
Heute radeln wir gleich vom Berghotel Les Casades los. Es ist morgendlich frisch und fast jeder aus der Gruppe hat sich noch etwas Warmes übergezogen. Bei der Fahrt ins Tal wird es sehr schnell frisch. Das hat auch die letzten Zweifler von wärmerer Kleidung überzeugt.
Nach kurzer Zeit erreichen wir einen Wasserfall. Und weil heute Sonntag ist, nutzen viele Familien, besser gesagt Großfamilien den Tag für einen Ausflug hier her. Wir stellen unsere Fahrräder ab und gehen mit Muhamed zum Wasserfall. Er ist nicht unbedingt spektakulär, wirkt aber durch seine Höhe imposant.
Wir kehren zurück zum Parkplatz. Da ist jetzt die Hölle los. Der Weg zur Straße ist total zugefahren. Absolutes Chaos. Es scheint, als ob nichts mehr geht. Selbst wir, mit Fahrädern haben Mühe diesem Chaos zu entkommen.
Endlich raus und schon fahren wir bergab ins Paradies Valley. Oft halten wir an, um zu fotografieren. Die Blicke in das Tal sind einfach atemberaubend. In der Tiefe sehe ich ein breit ausgewaschenes Flussbett. Regenfälle verwandeln von Zeit zu Zeit das kleine Rinnsal in einen tosenden Strom, der schnell im Tal zu Überschwemmungen führt. Der Fluss leistet hier ganze Arbeit. Die Talbewohner wissen das und bauen ihre Häuser einige Meter über dem Flussbett.
Paradies Valley
Wir haben die Talsohle erreicht und schon beginnt ein Anstieg. Ich schalte meinen elektrischen Antrieb ein. Die Fahrt verlangsamt sich, aber die Anstrengung hält sich im Rahmen. Unterwegs sehe ich Muhamed unseren Reiseleiter strampeln. Er ist der einzigste der die gesamte Strecke mit eigener Muskelkraft überwinden muss. Ich schalte etwas mehr Energie für mein E-Bike zu und schiebe ihn ein paar Meter.
Oben angekommen warten schon die ersten. Als unser Reiseleiter ankommt verteilt er einen Motivations- Snack in Form von Nüssen. Aus der Ferne beobachtet uns ein kleines Mädchen. Muhamed spricht es an.
Sie heißt Selma und ist fünf Jahre. Für solche Situationen habe ich kleine Geschenke mit. Muhamed übergibt diese Selma. Obwohl die vielen Fremden auf Selma unheimlich wirken, schenkt uns Selma als Dank ein Kusshändchen. Das ganze Geschehen beobachtet aus der Ferne Selmas Mutter, die froh ist, als Selma zurückkommt.
Selma
Wir fahren noch einmal bergab zu einem großen Stausee, wo unsere Radreise durch den Süden Marokkos endet. Ein letztes Mal stellen wir unsere E-Bikes zum Verladen ab. Wir schauen uns gegenseitig an und sagen, das war’s. Ich glaube der Abschied, von den schönen Radtouren fällt allen etwas schwer.

Auch die schönste Reise geht zu Ende

Die Radtouren sind zu Ende. Unsere Reise führt uns aber noch weiter bis Essaouira und zu einem abschließenden Besuch in Marrakesch. Natürlich zu Fuß. Aber darüber berichte ich in einem anderen Beitrag.
Die Erlebnisse, die jeder Einzelne mit nach Hause nimmt, werden sehr unterschiedlich sein. Neben den einzigartigen Landschaften, den Menschen, denen wir weit ab touristischer Pfade begegneten, die uns mithilfe unseres Reiseleiters Einblicke in ihr Leben gewährten, werde ich mich noch lange an Selma und jenen Tag mit dem defekten E-Bike erinnern. Übrigens wundert Euch nicht, wir hatten zwei Reiseleiter und beide heißen Muhamed. Das ist aber eine andere Geschichte.

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