Der Elbe-Radweg Wittenberge Magdeburg

Adebar Elbe-Radweg

Radreise auf dem Elbe-Radweg – die Mitte (2)

Im mittleren Abschnitt des Elbe-Radweges radeln wir zu einer Siedlung Adebar’s, zu beeindruckenden technischen Bauwerken, entdecken historische Begebenheiten, finden denkwürdige Geschichten über Menschen und ich erzähle über Beobachtungen. Neugierig? Na dann radeln wir mal weiter.

Das fängt ja prima an

Nach unserer Wohlfühlnacht in Wittenberge sind wir voller Elan. Den kühlen Morgen wollen wir nutzen, um entspannt los zu radeln. Es ist bewölkt, sieht aber nicht nach Regen aus. Wir machen unsere Räder startklar – auf einmal … Blitz und Donner mit sofortigen Regen. Wie in einem schnulzigen Filmklassiker. Pech für uns. Denn gerade sind wir aus dem Hotel ausgecheckt. Gehen wir wieder zurück und warten im Foyer?

Die überdachte Freilichtbühne im Areal der “Alten Ölmühle” bietet auch Schutz. Also flüchten wir darunter. Aus dem heftigen Regen wird gemütlichen Landregen. Sch … das sagt man nicht. So sitzen wir auf dem Bühnenrand starren Löcher in die Luft und warten verzweifelt auf das Ende des Regens. Ausgerechnet heute, wo wir mit 78 Kilometern auch noch eine verhältnismäßig lange Etappe haben.

Regen Ölmühle in Wittenberge
Es regnet, fahren wir weiter oder warten wir?

Die Kellnerinnen des Brauhauses, die uns am Vorabend bedient haben sind schon wieder fit und rauchen gemeinsam ihre Morgenzigaretten. Als sie fertig sind, bieten sie uns an, im Brauhaus einen Kaffee zu trinken. Dankend nehmen wir an. Nach zwei Stunden tröpfelte es nur noch. Endlich können wir aufbrechen.

Adebar’s Siedlung

Kaum sind wir aus Wittenberge raus, radeln auf der Deichkrone des Elbe-Radweges, da drückt schon wieder die Sonne. Heißt, anhalten, absteigen und ausziehen. Bei schweißtreibender Wärme steuern wir unser erstes Ziel an, das Storchendorf Rühstädt.

Wow, kann ich da nur sagen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Drei Storchennester auf einem Dach! Alle bewacht, damit keiner der anderen Störche zu nahe kommt. Artgenossen werden sofort verjagt. Es ist Brutzeit. Da lassen Mama- und Papastorch niemanden an ihr Nest.

Storchenester in Rühstädt
Die Adebar Siedlung in Rühstädt

Wenn wir im Allgemeinen von Störchen reden, reden wir vom Klapperstorch, der die Kinder bringt. In der Schule taucht Adebar in Fabeln auf. Und das war es dann schon.

Derweil siedeln Weißstörche an den Elbauen von Lauenburg bis Sachsen und verdienen mehr Aufmerksamkeit. Bereits im März kommen sie aus ihrem Winterquartier und lassen sich an den Elbauen nieder. Bis August bringen Sie ihre Jungen zur Weltehe sie wieder in ihr Winterquartier nach Südafrika fliegen. Respekt, da ist unsere Radreise ein Klacks.

Die Elbstörche nehmen die Ostroute und fliegen über 10.000 Kilometer durch Kleinasien in den vorderen Orient in das Niltal. Nach einer mehrwöchigen Erholungspause im Savannengürtel des Ostsudan fliegen sie weiter bis Südafrika. Schon deswegen verdienen diese Langstreckenflieger Respekt.

Etappenziel Havelberg

Wir kehren zurück zum Elbe-Radweg und radeln weiter. Auf einmal höre ich ein lautes Krächzen zweier aufgeregter Elstern. Ein Roter Milan kommt wahrscheinlich ihrem Elsternnest zu nah. Eine lebensgefährliche Taktik fliegen die beiden Elstern. Eine fliegt vor dem Milan umher und die andere attackiert den Räuber von hinten auf das Heftigste. Die Aufregung dauert nicht lange, da sucht der Greifvogel das Weite.

Bei Gnevsdorf fließt die Havel in die Elbe und verläuft flussaufwärts einige Kilometer parallel zur Elbe. Noch ein paar Kilometer und wir erreichen unser Hotel in Havelberg. Wir machen uns frisch und gehen in die Altstadt auf die Elbinsel. Als ob wir es nicht geahnt haben, pünktlich wie immer, Regen. Wir spannen unsere Regenschirme auf und bummeln weiter durch das Städtchen. Havelberg ist eine Hansestadt. Früher war dieser Titel sicherlich erstrebenswert.

Der Hunger treibt uns heute besonders schnell zum Essen. Auf der Elbinsel von Havelberg finden wir keine Gaststube, die offen ist. Auch vom Sehen her sind wir enttäuscht von der Insel. Eine nette junge Frau, die mit ihrem Baby unterwegs ist, gibt uns einen Restaurant-Tipp. Dafür müssen wir allerdings den Berg hoch zum Dom.

Neben dem Dom, in exponierter Lage befindet sich ein italienisches Restaurant mit einer erstklassigen Aussicht. Während wir eine Pizza verzehren, sprechen uns ein paar Jungen an. Wir kommen aus Magdeburg und sind in Havelberg auf Klassenfahrt. Wir haben die Aufgabe, folgende Sehenswürdigkeiten zu finden: … Außer dem Dom kennen wir aber selbst keine der genannten Objekte. Etwas später stellt uns eine Gruppe Mädchen die gleichen Fragen. Mir gefällt die Begeisterung, mit der die Schüler ihre Aufgaben erledigten. Ich glaube, ohne zu wissen, was eigentlich die Zielstellung dieses Projektes ist, wird das Ergebnis sicherlich von Erfolg gekrönt sein.

Havelberg Elbe-Radweg
Beim Italiener am Dom mit Blick auf Havelberg

Das Bernsteinzimmer

Vor dem Dom begegnen wir zwei ehrwürdige Majestäten, Friedrich Wilhelm I. und Zar Peter den Großen. Sie wussten schon damals, dass sie sich beide für ein ausgewogenes Kräfteverhältnis in Europa brauchen. Zur Erinnerung an die schönen Tage in Havelberg im Jahre 1716 schenkt der preußische König dem Zaren das Bernsteinzimmer. In den Wirren des 2. Weltkrieges das Bernsteinzimmer verschollen. Vermutlich ist es bei einem Bombenangriff im 2. Weltkrieg in Königsberg den Flammen zum Opfer gefallen.

Die freundschaftliche Begegnung von König Wilhelm I. und Zar Peter den Großen
Treffen 1716 von zwei ehrwürdigen Majestäten – Friedrich Wilhelm I. & Zar Peter der Große

Elbe-Radweg auf der Straße – schönes Wetter

Am nächsten Morgen strahlt schon in der Frühe die Sonne und lockt unsere auf die Räder. Wir queren die Elbe auf einer Gierseilfahre. Dabei hängt das Fährschiff an einem sehr langen Seil. Das Fließen der Elbe lässt die Fähre, wie an einem langen Pendel von Ufer zu Ufer schwingen. Das ist genial und kenne ich schon aus der Sächsischen Schweiz. Allerdings gibt es da nur noch die Gierselfähre in Rathen.

Heute scheint ein Tag zu werden, bei dem wir vorwiegend auf der Straße fahren. Auch wenn hier keine Rush Hour ist, Straße bleibt Straße. Zuerst führt der Elbe-Radweg fünf Kilometer zurück über Werben, dann strampeln wir unaufhörlich am Straßenrand.

In der Ferne sehen wir einen Schornstein. Zu Zeiten der DDR sollte da das größte Atomkraftwerk der Republik entstehen. Ein paar Energieblöcke sind in den 80er Jahren auch ans Netz gegangen. Jedoch wurden sie gleich nach der Wende wieder abgeschaltet. Heute steht da ein Braunkohlenkraftwerk.

Wir radeln durch kleine Ortschaften mit uralten Kirchbauten. Sie erinnern mich an Wehrkirchen. Die Wehrbauten waren in den slawischen Grenzregionen notwendig, um sich vor Übergriffen der slawischen Stämme zu schützen. Leider habe ich keine Infos gefunden, die den Sachverhalt für diese Region bestätigen. Betrachtet man aber den Kirchturm genauer, hat dieser eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Wehrturm.

mögliche Wehrkirche
Typische Kirche der Region- hier bei Hohenberg-Krusenmark

Die Sache mit dem Strom

Am Fahrbahnrand stehen kaum Bäume, die uns Schatten spendende. Der Planet glüht. Nur der Fahrtwind kühlt uns. Die Räder der Windkraftanlagen stehen still. In aller Munde sind diese Anlagen ein Synonym für die Energiewende. Steigen die Tagestemperaturen bei uns in den nächsten Jahren weiter an, wird sehr vielmehr Strom gebraucht. Wie jetzt schon in warmen Ländern üblich, sind Klimaanlagen auch hierzulande nicht aufzuhalten. Wer springt dann alternativ für die Stromgewinnung ein? Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt. Die Stromabgabe der Offshore-Windparks für südliche Regionen wird begrenzt durch die Leistungsfähigkeit der Stromkabel. Ohne ein alternatives Energiekonzept führt das heutige zwangsläufig zum Energiekollaps.

Oh etwas Seltenes, ein Imbiss. Ein kühles Radler und Bockwurst serviert unter einem schattigen Dach kommt uns jetzt gerade recht. Die pralle Sonne macht uns heute zu schaffen. Die geplante kurze Pause wird dann doch etwas länger, bevor wir weiterfahren .

Einaldung zur Rast
Einladung auf einen Imbiss

Tangermünde eine beeindruckende Stadt

Tangermünde, wir sind begeistert vom Leben in den Backsteinbauten der Altstadt. Wir beziehen unser Quartier und unternehmen sofort einen Stadtrundgang. Die Häuser werden in historischen Fassaden saniert. Neubauten sind als Hinterhöfen angebaut. Das alte Flair dieser Hansestadt bleibt so erhalten. Toll kann ich nur sagen.

Das traurige Schicksal der Grete Minde

Auf unserem Stadtrundgang begegnen wir einer jungen Frau in Ketten. Sie heißt Grete Minde und erzählt uns ihr verhängnisvolles Schicksal. Grete kommt aus einer angesehenen Tangermünder Patrizierfamilie und heiratet im Sommer 1616, den Soldaten Tonnies Meilahn. Dessen ausschweifender Lebensstil verbraucht sehr schnell die Mitgift seiner Frau. Neues Geld organisiert sich der Soldat mit räuberischen Überfällen. 1619 wir er gefasst. Seines Todes gewiss, sagt der Ehemann bei seiner Vernehmung aus, dass seine Frau den Stadtbrand von 1617 in Tangermünde gelegt hat. Der Magistrat ist froh, endlich einen Schuldigen dafür gefunden zu haben. Grete Minde wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. So stirbt die junge Frau einen grausamen Feuertod.

Grete Minde aus Tangermünde
Grete Minde – unschuldig verurteilt

Einer unschuldigen Frau, wird übel mitgespielt. Vielleicht spricht man deshalb von einem Bauernopfer. Noch heute ist das ein politisches Mittel, um brisante Probleme zu lösen.

Scheinbar ist nichts zu entdecken

Am nächsten Tag verabschieden wir uns von der schönen Stadt. Unser nächstes Etappenziel ist Magdeburg. Der Morgen ist schon warm und wir freuen uns über die Bäume, unter denen der Radweg entlang führt.

Jetzt fahren wir an riesigen Feldern vorbei. Schon vom Weiten nehmen wir den muffigen Geruch der Rapsfelder wahr. Sie sind in der Blüte schön anzusehen, aber wohnen möchte ich nicht in deren Nähe. Schlimm ist für mich der Gedanke, dass Raps ein Nahrungsmittelkonkurrent ist. Raps dient nicht nur zur Ernährung, sondern wird auch als Biokraftstoff eingesetzt. Was das im Kapitalismus bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.

An den Feldrändern wächst viel Roter Mohn. Bienen und Hummeln fliegen die Blüten an, um den Nektar zu ernten. Hummeln erzeugen beim Fliegen einen tiefen Brummton. Kraftvoll sind ihre Flügelschläge. Wissenschaftler haben früher behauptet, dass Hummeln nach Berechnungen der Aerodynamik nicht fliegen können. Das hat die Hummel nie gekümmert, sie fliegt trotzdem. Moderne Berechnungen widerlegen das Paradoxon.

Hummel im Roten Mohn
Wir können von der Hummel fliegen lernen

Wir queren wieder einmal die Elbe und gelangen zum Wasserstraßenkreuz Magdeburg. Ich bin überwältigt! Rein technisch gesehen ist das Senken und Heben des Wasserspiegels in den Schleusen genial gelöst. Erst grüble ich etwas über die stufenförmig angeordneten Becken neben den Schleusen. Nach einer Weile finde ich des Rätsels Lösung. Bärbel drängelt schon wieder. Ich kann bei ihr auch rein gar nichts Begeisterndes für diese technische Finesse erkennen.

Wir radeln weiter, entlang des Mittellandkanals bis zur Elbquerung. Die Wasserbrücke des Kanals erscheint gigantisch. Wenn dann noch beladene Schiffe im Mittelland-Kanal die Elbe queren, kommt schon mal die Frage in den Sinn: Wie viel Tonnen müssen die Brückenpfeiler tragen?

Elbquerung des Mittellandkanals
Elbquerung des Mittellandkanals

Unser heutiges Etappenziel – Magdeburg

Jetzt geht es nach Magdeburg. Heute nächtigen wir wieder luxuriös im Hotel Maritim. In Magdeburg stehen zwei Ziele auf dem Plan, der Magdeburger Dom und das Guericke-Zentrum.

Wir bummeln durch die Stadt und gelangen zum Hundertwasserhaus. Architektonisch gefallen mir das Unsymmetrische sowie die Farbgebungen des Hauses. Der Baustil ist anders und gefällt vielleicht gerade deswegen. Nicht allzuweit ist der Dom entfernt. Schon beim Näherkommen schwant uns schlimmes. So ist es auch. Auf einem Schild am Eingang steht: Heute ab 15:00 Uhr geschlossen. Oha, es ist jetzt 16:00 Uhr – Pech für uns!

Hundertwasserhaus in Magdeburg
Hundertwasserhaus

Etwas verärgert, dass der Dom ausgerechnet heute geschlossen ist, gehen wir erst einmal Eis essen. Mit meinem etwas weiter entfernten befindlichen Guericke-Zentrum brauche ich jetzt nicht mehr kommen. Mich hätte schon interessiert, mehr über das Experiment mit den Magdeburger Halbkugeln zu erfahren. Schließlich begründete Otto von Guericke mit seinem Versuch die Pneumatik. Woraufhin später Gase, wie Luft auch als Medium betrachtet werden. Das heißt, neben festen und flüssigen Medien kommt das gasförmige Medium hinzu. Meiner Frau ist eher nach Shoppingtempel. Meine Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Es geht aber nicht immer nach meinem Kopf. Nach einem schönen Abendessen gehen wir, frohen Mutes auf die künftigen Etappen schlafen.

Was uns auf den letzten Etappen bis zum Dresdner Zwinger erwartet, erfahrt ihr im 4. Beitrag.

Die Radreise auf dem Elbe-Radweg ist und bleibt weiterhin spannend. Am Wegesrand begegnet ihr ständig sehenswertem. Das Beste ist, gleich selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Beitrag überarbeitet: Mai 2019

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