Der Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden

Wir überschreiten die Landesgrenze in unsere Heimat

Radreise auf dem Elbe-Radweg – der Osten (3)

Oder sprechen wir besser vom wilden Osten. Die ersten Jahre nach dem Umbruch konnte man das getrost sagen. Vieles hat sich seitdem geändert. Und zugegeben ein bisschen wild ist der Osten geblieben. Verlassen wir nun Magdeburg und begeben uns auf eine vorwiegend geschichtliche Reise, die hier das Leben über die Jahrhunderte nachhaltig geprägt hat.

Auf zur längsten Etappe der Radreise

Sportliche Radfahrer lächeln vielleicht bei 90 Kilometer. Sie können ja auch eine sportive Variante dieser Radreise wählen. Als Hobbyradler mit Tourenrädern kann die Zeit im Sattel für unsere Allerwertesten ein Martyrium werden. Ja genau, es sind nicht die Beinmuskeln, die uns schlappmachen, sondern das Gesäß.

Wir verlassen Magdeburg, ohne den Dom besucht zu haben. Wenigstens sehen wir das monumentale Bauwerk noch einmal in voller Größe von der Sternbrücke. Der Radweg schlängelt sich jetzt über Brücken der verzweigten Arme der Elbe. Die Sonne meint es heute wieder gut mit uns, sodass wir froh sind im Schutz der Bäume zu radeln.

Gelegentlich sehen wir Angler in der morgendlichen Stille. Ob die hier ihr Mittagessen für den heutigen Sonntag fangen wollen? Oder sind die Angler sportlich unterwegs? Ich sie nicht gefragt, weil Angler die Stille lieben.

Das Steinzeitdorf in Randau

Nach wenigen Kilometern erreichen wir unsere erste Sehenswürdigkeit, das Steinzeitdorf in Randau. Irgendwer will wirklich verhindern, dass wir nicht alles sehen dürfen. Schon wieder ein Schild – Heute ab 13:00 Uhr geöffnet. Wie spät haben wir es? Jetzt, 09:30 Uhr! Oha wieder einmal die A … K … gezogen. Nach ein paar Blicken über den Zaun fahren wir weiter. Mich hätte schon einmal das steinzeitliche Langhaus interessiert. Schade, es soll eben nicht sein.

Steinzeidorf Randau - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden

Demoralisierende Hitze

Hinter Schönebeck hat sich die Elbe in weite Schlaufen gelegt. Wir radeln und radeln und radeln. Es wird wärmer und wärmer. Über unsere Sinne nehmen wir nichts mehr auf. Kein noch so kleiner Windhauch. Nur drückende, schwüle Wärme.

Linker Hand sehen wir einen kleinen See. Das Motiv erinnert mich an einen Filmausschnitt aus der Krankenhausserie: ” In aller Freundschaft”. Kurzzeitig denken wir darüber nach, ob wir im See baden wollen. Und schon sind wir am See vorbei. Wir strampeln weiter auf einer aufgeheizten Asphaltstraße durch Kiefernwälder. Wärme und nichts Sehenswertes machen den Streckenabschnitt trostlos. Oder haben wir erste Verschleißerscheinungen? Hoffentlich nicht. Denn wir haben gerade mal die reichliche Hälfte unserer Radreise hinter uns.

Hinter Steckby sehen wir dunkle Wolken auf uns zukommen. Weit und breit ist kein Unterstand zu finden. Bis Dessau sind es noch 15 Kilometer. In Aken queren wir die Elbe und sehen regennasse Fahrbahnen. Wenigstens etwas Gutes an dieser Etappe. Der Regen ist an uns vorbei gezogen.

DUSCHEN – Balsam für unseren Körper

Im Radisson Blu Fürst Leopold Hotel in Dessau-Roßlau genießen wir nach unserer Ankunft das Duschen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was Duschen für eine Freude macht. Vor allem, wenn alles an uns klebrig ist. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wenn wir nur über ein Waschbecken verfügen würden.

Die lange Tour bei 28 Grad schwüler wärme hat uns etwas zu schaffen gemacht. Den geplanten Besuch der Bauhaus-Ausstellung haben wir kurzer Hand gestrichen. Wir gehen Abendessen, lesen im Hotel noch kurze Zeit und schlafen beide zeitig ein.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Nach der regnerischen Nacht sind jetzt die Temperaturen heute Morgen sehr angenehm. Und, ich kann es kaum fassen, auf unserer heutigen Etappe radeln wir nur 40 Kilometer. Wir steigen “fit wie ein paar Turnschuhe” auf unsere Fahrräder und treten ganz relaxt in die Pedale.

Der Wörlitzer Park – eine Augenweite

Halb träumend radeln wir entspannt meist fernab von der Elbe. Ich versuche, einen Storch ganz aus der Nähe zu fotografieren. Adebar will davon nichts wissen und fliegt davon. Nach einem knappen Stündchen erreichen wir den Wörlitzer Park. Sogar einen kostenfreien Parkplatz für unsere Räder haben wir gefunden.

Wie sollen wir uns den Wörlitzer Park erschließen? Erst schlendern wir etwas desorientiert durch den Park und finden dann eine Station, die Bootsfahrten anbietet. Eine halbe Stunde warten bis zur nächsten Abfahrt, das ist OK. Beim Warten überkommt uns Müdigkeit. Machen wir jetzt schlapp oder fehlt uns die Bewegung. Endlich, da kommt unser Boot.

Der Bootsführer erzählt, wie anfällig die Tier- und Pflanzenwelt im Park ist. Und wie sich die Parkverwaltung bemüht diese zu erhalten. Klar, sie will ja auch dem Vermächtnis von Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt Dessau gerecht werden. Beeindruckt hat mich das soziale Verhalten Fürst Leopolds zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Diejenigen, die den Park angelegt haben wurden fair bezahlt. Aber auch das Engagement, den Park allen Menschen zugänglich zu machen, unabhängig von Stand und Einkommen ist nicht selbstverständlich.

Der Kirche Widerwillen

Eine Geschichte hat es mir besonders angetan. Die Ehefrau von Fürst Franz war schwanger und brachte ein kleines Mädchen zur Welt, welches noch vor der Taufe starb. Als das Baby auf dem Friedhof beerdigt werden sollte, haben das die Kirchenväter verweigert. Nur, weil es noch nicht getauft war.

Wörlitzer Park - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden
Urne für das nicht getaufte Kind

Als wir an einer riesigen goldenen Urne vorbeifahren, erzählt uns der Bootsführer. Hier hat Fürst Franz seine Tochter begraben. Den Wald, der die Sicht von der Kirche zur Urne versperrte, ließ Fürst Franz fällen. Seid dieser Zeit muss die Kirche auf das Grab eines unschuldigen Mädchens sehen, dem eine christliche Beerdigung verweigert wurde.

Beeindruckt fahren wir mit dem Boot weiter und sehen in der Ferne den künstlichen Vulkan des Wörlitzer Parks. Anlässlich des 200. Todestages von Lady Hamilton wird der Vulkan am 20. August 2016 ausbrechen. Das ist ein pyrotechnisches Spektakel der besonderen Art und sehr teuer.

Die Luther-Stadt Wittenberg – Reformation – Inquisition

Bis zur Lutherstadt Wittenberg sind es nur wenige Kilometer. Wir betreten die Altstadt und stehen vor der eingerüsteten Schlosskirche. In Wittenberg herrscht Baukonjunktur. Zu Ehren des 500. Jahrestages der Reformation werden viele Gebäude der Altstadt renoviert. Alles nur, weil Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Kirchenpforte geschlagen hat. Schade, wir können die Thesen nur durch einen Bauzaun sehen.

Luthers 95 Thesen an der Schlosskirche - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden
Die Schlosskirche mit den 95 Thesen Martin Luthers

Fast am anderen Ende der Altstadt checken wir in unser Hotel ein. Heute sind wir zeitig angekommen und können einen ausgiebigen Spaziergang unternehmen. Während des Altstadtbummels muss ich an eine Geschichte denken, die sich hier ereignete.

Das Inquisitionsgericht

Vor etwa 280 Jahren wird in Wittenberg eine Frau eingesperrt, die eines ihrer vier Kinder mit Gift getötet haben soll. Es gab Kompetenzschwierigkeiten mit der Gerichtsbarkeit. August der Starke, Dresdens berühmter Barockfürst legte fest, dass nach kanonischem Recht geurteilt werden soll. Die Inquisition verhörte die Frau und sprach sie schuldig. An einem Morgen im Oktober wurde Susanne Zimmermann auf den Marktplatz geschleift und gerädert. Ein grausamer Tod. Was mich in Erstaunen versetzt, das Inquisitionsgericht wird hier erst 1908 abgeschafft. Das ist gerade einmal 100 Jahre her.

An der Grenze zu Sachsen

Der nächste Morgen ist kühl. Der Radweg führt kaum noch über Deichkronen, sondern entlang wenig befahrener Straßen. Um 11:45 Uhr ist es dann so weit: Wir überqueren die Grenze zum Bundesland Sachsen. Und kaum sind wir in Sachsen, wird das Gelände hügliger.

Nachmittags treffen wir in Torgau ein. Zuerst wollten wir am Denkmal der Begegnung haltmachen. Schließlich sind sich hier am 25. April 1945 die sowjetischen und amerikanischen Truppen begegnet. Das denken wir zumindest. Oder fand der Elbe Day wo anders statt?

Mahnmal Elbe-Day 1945 Torgau - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden

Denkmal für den Elbe Day am 25. April 1945

Heute übernachten wir im “Goldenen Anker”, dem ersten Haus am Marktplatz. Herr Schumann der Besitzer des Hotels hat um 17:30 Uhr alle Radfahrergäste zu einer Stadtführung eingeladen. Er erzählt viele kleine Geschichten, von denen nicht alle ernst genommen werden dürfen. Immerhin haben wir erfahren, dass die erste Begegnung der sowjetischen und amerikanischen Truppen nicht in Torgau stattfand. Eine mediale Show, um wichtige Ereignisse in Szene zu setzen, war eben damals schon mode.

Ritter Roland und der Minnesang

Unsere vorletzte Etappe ist mit 40 Kilometern wieder sehr kurz. Also Zeit für ein paar Umwege. Wir fahren nach Belgern, um uns eine sechs Meter hohe Romanfigur anzusehen. Sie stellt in unserer Region ein Symbol der Freiheit dar. Roland ist ein Ritter, der in zwei Zeilen der Biografie Karls des Große erwähnt wird. In Zeiten des Minnesangs entstand dann das Rolandslied. Keine schlechte Karriere meine ich.

Die Schlacht bei Mühlberg

Wir queren wieder die Elbe und fahren rechtselbisch weiter nach Mühlberg. Kurz hinter dem Ort biegen wir ab in Richtung Elbe. Auf der Deichkrone ist ein verwachsener Stein zu erkennen. Ein Gedenkstein. Am 24. April 1547 fand hier unmittelbar an der Elbe eine Schlacht zwischen dem katholischen und dem protestantischen Heer statt. Die Schlacht war von geschichtlicher Bedeutung. Der Sie der Katholiken bedeutete das Ende des Schmalkaldischen Bundes. Die Ernestiner, die aufseiten der Protestanten kämpften, haben nach ihrer Niederlage die Kurfürstenwürde an die Albertiner abgeben müssen, die mit dem kaiserlich-katholischen Heer kämpften. Herzog Moritz, ein Vorfahre von August dem Starken übernahm die Kurfürstenwürde.

Schlacht bei Mühlberg 1547 - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden
Gedenkstein an die Schlacht bei Mühlberg

Nur zum Verständnis Kurfürst Ernst und Herzog Albert (Moritz) haben einen sächsischen Vater – Friedrich der Streitbare. Der konnte sich nicht entscheiden, wer von beiden Sachsen erben sollte und teilte Sachsen in Ernestiner und Albertiner. Eine irre Welt.

Bei der kleinen Rast, die wir hier machen, stelle ich mir vor, wie vor dem Morgengrauen die Vorhut des katholischen Heeres hier im April durch die kalte Elbe geschwommen ist. Huhaa, so jetzt ist mir frisch, wir radeln weiter.

Begegnung und Schwur zweier großer Armeen

Nach ein paar weiteren Kilometern entspannten Radelns gelangen wir in ein kleines verschlafenes Örtchen namens Kreinitz und sehen ein Schild vor einer Hauswand.

Der wirkliche Elbe-Day 1945 i - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresdenn Kreinitz
Hier haben sich die Amerikaner und Sowjets wirklich getroffen

Nanu, die wirkliche Begegnung der sowjetischen und amerikanischen Truppen sieht auf dem Bild mit der Ziehfähre gar nicht mehr so spektakulär aus. Gleich daneben befindet sich ein Gedenkstein.

Schwur - nie wieder Krieg - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden
Gedenkstein und Schwur zweier Armeen

Dem Leid, welches der 2. Weltkrieg über die Menschen allein in Deutschland gebracht, sind wir immer wieder begegnet. Ich denke an das KZ Neuengamme oder die Gedenktafeln für Zwangsarbeiter, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. Ich denke, unsere Politiker sollten künftig alles dafür tun, um so etwas zu verhindern.

NIE WIEDER KRIEG!

Diese Worte sollten sich deutsche Politiker auf ihre Agenda schreiben und bei jedem Amtseid schwören.

Endsport bis zum Dresdner Zwinger

Wir gelangen in unsere letzte Unterkunft in Strehla. In der Rezeption hören wir, dass Frank ein langjähriger Kunde von mir schon mehrmals angerufen hat. Wir hatten mit Frank und seiner Frau ausgemacht, dass wir sie auf der letzten Etappe besuchen. Schließlich führt der Elbe-Radweg an ihrer Haustür vorbei. Unser Treffen wird umgeplant. Abends holt uns Frank zum Grillen ab. Natürlich müssen wir auch von unserer Radreise erzählen. Ein würdiger Abschluss für unsere schöne Radreise. Vielen Dank an Frank und Viola für diesen schönen Abend.

Heute ist unser letzter Reisetag. Nachts hat es noch einmal kräftig geregnet, der ist der Himmel wolkenverhangen und es ist kühl. Das Tagesziel ist unser zu Hause, natürlich via Dresdener Zwinger. Letztendlich stehen diese Erlebnisberichte alle unter der Überschrift – Radreise auf dem Elbe-Radweg von St. Pauli bis zum Dresdner Zwinger.

Unser zu Hause ruft. Die Strecke hinter Riesa ist uns wohlbekannt. Also treten wir kräftiger in die Pedale. Wir schauen auch nicht mehr so viel nach links und rechts. Wir radeln einfach. Sorry, aber den Beitrag für die Strecke über Meißen bis Dresden bleibe ich euch schuldig.

zum Blogbeitrag – Elbe-Radweg – über Meißen nach Dresden

Im Gegensatz zu sonst, bläst uns heute nicht der Böhmische Wind entgegen. Im Gegenteil wir haben seltenen Rückenwind. Gegen Mittag sind wir in Dresden. Über den Theaterplatz und gelangen zum Zwinger. Und hier endet unsere Radreise entlang des Elbe-Radweges – von St. Pauli bis zum Dresdner Zwinger. Nach Hause brauchen wir noch 5 Minuten.

Zum Pferdemittag sind wir zu Hause. In unseren Gesichtern ist Freude zu erkennen. Der Kilometerzähler zeigt: 721 Kilometer. Vor der Haustür begreife ich das folgende Sprichwort:

«Das Schönste am Reisen ist das Ankommen zu Hause»

Dresdner Zwinger - Elbe-Radweg von Magdeburg bis Dresden
Dresdner Zwinger – das Ende einer erlebnisreichen Radreise

Sollten euch die Beiträge inspiriert haben selbst diese Radreise zu unternehmen, dann freut mich das sehr. Vielleicht plant ihr auch eine Radreise auf dem Elbe-Radweg, aber ihr habt andere Vorstellungen. Dann schaut doch einmal nach unseren Angeboten oder schreibt uns eine Mail.

Beitrag überarbeitet: Mai 2019

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